Home Zurück zu "Freunde" Wir kennen uns seit den 70er Jahren. Friedrich Schorlemmer war Studentenpfarrer in Merseburg und stand nach einem Konzert plötzlich in der Garderobe. Er erzählt heute immer wieder gern, dass ich ihn nicht beachtete und er sich im Durcheinander von gebetenen und ungebetenen Besuchern hinter der Bühne recht verloren fühlte, was ich mir (natürlich) anders gemerkt habe. 1990 erhielten wir gemeinsam mit Ulrike Poppe den „Martini Preis“ der  Südpfälzischen SPD „für Verdienste um Aufklärung und Demokratie“. Im Dezember 1989 bat ich ihn, das Treffen ost- und westdeutscher (im Land gebliebener und ausgereister, rausgeschmissener) Liedermacher mit Wolf Biermann im „Haus der jungen Talente“ zu moderieren. Nach 1989 war Friedrich Schorlemmer mir ein strenger, vielleicht sogar der wichtigste Gesprächspartner beim Erinnern und Öffentlichmachen eines Abschnitts meiner DDR-Vergangenheit.
Den folgenden, aktuellen Text schrieb er anlässlich des Bürger-Willkommensfestes für Flüchtlinge in Wittenberg: Zum 7. 11. auf dem Arsenalplatz zum Bürgerfest „Augen auf – Arme auf  –   Herzen auf“ Liebe BürgerInnen, Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Neubürger und liebe Asylsuchende! Wir sind heute hier zusammen, um Ihnen zu zeigen, dass wir uns öffnen für Sie, die Sie aus elementarer Not zu uns gekommen sind, aus Hunger, aus Krieg, aus Obdachlosigkeit, aus Unterdrückung, aus Armut. Das erste, das uns erfüllen sollte bei allen Problemen mit einem großen, nicht enden wollenden Ansturm von Flüchtlingen in unser Land, ist Mitgefühl. Wie ginge es mir, wenn ich jetzt in Aleppo lebte, in Homs, in Palmyra, in Damaskus, im Norden Afghanistans oder in der Wüste des Irak, wo der IS wütet und jede zivilisatorische Errungenschaft barbarisch missachtet…Bloß weg in ein sicheres Land, wo wir human aufgenommen werden… Es kommen auch über tausende km entfernt lebende, oft gut ausgebildete, aber völlig perspektivlos im Senegal und in Nigeria dahinvegetierende Menschen, oft junge Männer zu uns, die die Strapazen überwinden konnten. Ausgeliefert dann den mafiösen Schlepperbanden, wo doch diese Flüchtlinge alles, was die Familien hatten, zusammenlegten, um nach Europa zu kommen und perspektivisch ihren Zurückgebliebenen zu helfen. Wer seine Heimat verlässt, tut das immer schweren Herzens und sucht bei uns ein Leben, ohne tägliche Lebensangst, sucht Sicherheit und Frieden, ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit, auch eine Arbeit. Wir wollen unsere Heimat behalten und gestalten, aber anderen auch zur Neubeheimatung helfen. Und diese werden sich an die hier geltenden Regeln zu halten haben. Wir Deutschen haben vor 70 Jahren über 12 Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten erlebt. Das war eine riesige Aufgabe, voll von Konflikten und Erniedrigungen. Die Integration brauchte viel Zeit, obwohl die Vertriebenen Deutsche waren, zur gleichen Kultur gehörten, die gleiche Sprache sprachen etc. Jetzt kommen Menschen, die bislang kein Wort Deutsch und oft auch kein Wort Englisch können. Sie zu integrieren, stellt uns vor große, auf die Länge der Zeit auch mühsame Herausforderungen. Packen wir die Aufgaben an, statt selbstgelähmt  zu zweifeln, ob wir sie packen könnten. Unsere Möglichkeiten sind noch nicht erschöpft, den Erschöpften zu helfen. Aber jetzt sind wir dem Ansturm nur bedingt gewachsen. Die Kapazitätsgrenzen sind an vielen Orten erreicht. Das darf nicht übersehen und nicht weggeredet werden. Nun aber werden Ängste wach und es werden Ängste, Neid und Abwehr geschürt und Gerüchte verbreitet. Aus negativen Gefühlen aber wird hier und da Ablehnung und Hass. Auf verbale Drohungen folgen Gewalttätigkeiten, Werfen von Steinen und Brandbeschleunigern – bis vermummte Baseballschläger sich auf wehrlose Asylbewerber oder auf Flüchtlingsunterkünfte stürzen. Das ist eine Schande für unser Land. Tun wir, was wir können, dass nicht auch unsere Lutherstadt mit Gewaltübergriffen besudelt wird! Wir stehen hier auch in der Tradition von 1989 – einer friedlichen Revolution mit Toleranz gegenüber politischen Gegnern wie auch gegenüber Fremden. Der demokratische Patriotismus verbindet die Liebe zum eigenen Land mit dem Respekt vor anderen Nationen und Kulturen, die auch ihr Land lieben. Gegenseitige Akzeptanz ist eine der Grundbedingungen des inneren und äußeren Friedens. Nationalismus wertet andere Nationen und Herkünfte ab und gefährdet friedliches Zusammen- und Nebeneinanderleben. Wir brauchten und brauchen eine Kultur des Dialogs und des gewaltfreien politischen Wettbewerbs auf der Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit –  für alle! Wer aufgrund ethischer Prinzipien handelt, kann sich nicht der Frage entziehen, welche (unbeabsichtigten) Neben- und Langzeitfolgen sein Tun und Lassen mit sich bringt. Wer die Tore seines Landes für Flüchtlinge zu weit öffnet („No limit“), wird mitverantwortlich für die steigende Zahl derer, die zuschließen wollen oder gar xenophob „nach rechts“ rutschen. Wer umgekehrt nur Abschottungsmöglichkeiten im Blick hat, setzt die Grundwerte unserer Demokratie aufs Spiel und gibt die mitmenschliche Solidarität auf („Das Boot ist voll“). Wer sich an diesem Willkommensfest beteiligt, der gibt zu erkennen, dass er zu denen gehören will, die nicht mit Ressentiments, mit Gerüchten, mit Abwertungen gegen die Flüchtlingsscharen  reagieren. Wo Kapazitätsgrenzen erreicht oder sichtbar überschritten sind, dort muss das ethisch Gebotene mit dem praktisch Möglichen in Übereinstimmung gebracht werden. Gute Absichten bleiben unverzichtbar, reichen aber nicht. Unsere grundgesetzlichen Maßstäbe und Maßgaben gelten und müssen gegebenenfalls gegen emotionalisierte bzw. von politischem Machtkalkül bestimmten Mehrheiten rechtsstaatlich und konsequent verteidigt werden.
„Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“
(Schiller, Wallensteins Tod II 2 – das ist die Entgegnung des Realisten Wallenstein gegenüber dem idealistischen, von Realpolitik schwer enttäuschten Max Piccolomini) Was gut gedacht ist, ist noch nicht gut. Aber das Gute muss gedacht werden, um dann in den All-Tag – gegen diverse Widerstände –  übersetzt zu werden. Ich habe selbst das bedrohende Abschiebegebrüll in Dresden am Montag vor einer Woche erlebt. Mich lässt ein bedrückendes Gefühl nicht los. Und da fällt mir immer wieder Martin Luther King ein, der gesagt hat, man solle sich der „Gewalt des Herzens, der Zunge und der Hände“ enthalten. Liebe Mitbürger, jeder Flüchtling ist zuerst ein Mensch. Und an ihm/an ihr ist der erste Satz unseres Grundgesetzes zu erfüllen:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
(Grundgesetz Art. 1 Abs. 1) Und im Absatz 2 von Art. 1 GG heißt nicht imperativisch, sondern indikativisch-assertorisch. So ist es. So gilt das.
„Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
Jetzt ist es Zeit, sich zu bekennen, was heißt: offen dafür einzutreten, auch gegen Widerstände und auftrumpfende Mehrheit im eigenen Umfeld, vor allem, wo wieder Abwertung anderer oder angeblich minderer Rechte von anderen (Nicht-Deutschen!) propagiert wird. Das Mehrheitsprinzip und das Grundsatzprinzip können in der Demokratie hart aufeinander treffen. Rechtsstaatlich ist wird Verfassungstreue eingeklagt und garantiert – auch mit staatlicher Macht. Strittig ist jedoch immer wieder, ob der Verfassungspatriotismus als „Kitt der Gesellschaft“ ausreicht oder ob es doch eines nationalen Zugehörigkeitsgefühls bedarf – im Krisenfalle mit einer Tendenz zum Nationalistischen. Menschenrecht schließen Menschenpflichten ein! Das Bekenntnis zu den Menschenrechten muss täglich durch die BürgerInnen erneuert werden, sofern uns an der freiheitlichen, auf den Menschenrechten beruhenden  Demokratie gelegen bleibt. Ethische Maximen und die Beschränkung auf die „Kunst des Möglichen“ sind selten deckungsgleich. Wer grundsätzlich humanistisch denkt, kann doch aber nicht übersehen, dass wir nicht in der Lage sein werden, alle Armen und Verfolgten dieser Welt zu uns einzuladen, sie würdig aufzunehmen und menschlich zu beglücken. Die logistischen, die ökonomischen, die psychologischen Herausforderungen sind groß. Geeignete Unterkünfte sind nicht so schnell eingerichtet, die sozial, kulturell oder gar religiös bedingten Konflikte sind unvermeidbar und in ihren Folgen politisch noch unkalkulierbar. Wer hier leben möchte, muss sich freilich unseren Lebensregeln angleichen – auch was z.B. die Geschlechterrollen oder die Koedukation der Geschlechter anlangt. Es ist wahr: es gibt Probleme bei der Verteilung und bei der Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen in unsere Gesellschaft, in unser Leben. Psychologische Faktoren wirken. Die Eskalation der Negativgefühle geht der Eskalation der Gewalttätigkeiten voraus. Und da ist es so schön zu sehen und zu hören, wie massenhaft die Münchner gleich zu Beginn die massenhaft Zuströmenden empfangen haben, wie der evangelische Pfarrer Bernd Oehler in Meißen mutig und ruhig gegenhält, obwohl er zu dem Urteil kommen musste, dass etwa 50 Prozent seiner Mitbewohner Anti-Ausländer-Gefühle miteinander teilen. Und dort lebt auch der Bauunternehmer Ingolf Brumm, der ein großes Haus mitten in der Stadt trotz mehrfacher Brand-Anschläge weiter bereithält. Respekt, Respekt, Respekt! Der StuRa plakatiert im Riesenformat am Eingang der Universität Dresden: „Wir werden nicht zulassen, dass das geistige und intellektuelle Klima durch rechtsnationale Ideologie vergiftet wird.“. Ein großes Video an der Semperoper zeigt nacheinander  Mitarbeiter des Ensembles, die sich zu den fremdenfeindlichen Parolen positiv absetzen: „Die Achtung voreinander bestimmt den Umgang miteinander.“, „Ich darf überall hin. Jeder sollte das dürfen.“ Usf. Und alle zeigen ihr Gesicht. Inzwischen nicht mehr ungefährlich… Eine Woche zuvor hatte Akif Pirinçci in einer hetzerischen Rede sich zu diesem historischen Vergleich verstiegen:
„Es gäbe natürlich auch andere Alternativen, aber die KZ’s sind ja leider derzeit außer Betrieb“.
Politiker würden zunehmend als Gauleiter gegen das eigene Volk agieren. Ängste, Ressentiments und Vorurteile bilden ein wildes Konglomerat.. Das gilt es nicht still hinzunehmen, zu verstärken, gar zu schüren, sondern dem ist mit ein bisschen Mut entgegenzutreten. Das fängt bei abfälligen Redensarten an. Widersprechen lernen!  Ganz alltäglich. Ganz ruhig. Ganz freundlich und ganz deutlich! Dabei treffen wir auch auf Verbohrte, mit denen einen Dialog zu führen nahezu unmöglich ist, weil ihr vereinfachendes Weltbild gänzlich festgezurrt, von Vorurteilen bestimmt,  nicht „von des Gedankens Blässe angekränkelt“, für Argumente nicht mehr erreichbar . Freilich wird die Integration – angefangen bei den Sprachproblemen oder immer wieder sich herausbildender Ghettoisierung mit Ausbildung von Parallelgesellschaften – ein langwieriger Prozess  sein. Konflikte sind erwartbar, aber bei gutem Willen lösbar. Es kommt zu uns auch der Durchschnitt der Bevölkerung aus den diversen Herkunftsländern und nicht irgendwelche wunderbaren Eliten. Sie zu integrieren und alle die wieder, zurückzuführen, die aus bloßen wirtschaftlichen Gründen gekommen sind, bleibt ebenso wichtig wie zu mitzubedenken ist, dass Rückgeführte häufig in ein Nichts zurückgeführt werden. Ich war in Dresden bei einem jener montäglichen „Spaziergänge“ und habe die Sprache des Hohns über andere erlebt:
  • über die bezahlte Antifa,
  • die Multi-Kulti-Spinner,
  • die Theaterleute und die Theaterschauspieler,
  • die Studenten und Professoren, die erfundene, weil viel zu geringeAngaben über die Zahl der Pegida-Demonstranten angegeben hätten.
Dazu ein immer wiederkehrendes, aufgeheiztes Rufen „Wir sind das Volk“, „Widerstand, Widerstand“ und „Lügenpresse“. Scharen von Flüchtlingen kommen an deutschen Grenzen oft nach schweren Strapazen  mit großen Hoffnungen an und werden mit der Realität konfrontiert, dass wir logistisch – und vielfach auch psychologisch – mit den damit verbundenen großen Herausforderungen nicht so schnell zurecht kommen, wie wir uns das wünschten. Zugleich bestärkt es zu hören, an wie vielen Orten Junge und Alte kontinuierlich, oft bis zur völlige Erschöpfung ehrenamtlich helfen. Gleichzeitig kommen Ängste und Unsicherheiten auf, die zum Teil in Zuwandererfeindlichkeit umschlagen und ein Ruf geradezu als Schlachtruf hörbar ist: „Abschieben! Abschieben!“ Worin aber besteht die – schnelle und auf längere Zeit wirksame – Lösung angesichts eines täglich neuen Flüchtlingsdramas aus schrecklichen Bürgerkriegsgebieten? Wir werden uns der Not der zu uns gekommenen Verfolgten, Bedrängten, Entwurzelten annehmen. Wir werden Konflikte erleben, die uns an die Grenze unserer eigenen Toleranz bringen. Wir erleben, wie immer mehr Menschen zu den einfachen Parolen Zuflucht nehmen. Wenn wir Demokraten, die auf der Grundlage unseres Grundgesetzes zu denken und zu handeln versuchen, die Bedächtigen, die mit Ängsten auf den Zuwandererstrom Reagierenden, die um ihre Sicherheit Besorgten,  –wenn wir diese alle nicht an die fremdenfeindliche, an die neonazistisch Auftretenden, gar an Braune und Ressentimentgeladene und Gewaltbereite verlieren wollen,  dann müssen wir ernst nehmen und ansprechen was Menschen – berechtigt oder nicht – beschwert, statt zu übergehen und zu übersehen, was ist und was noch unter der Oberfläche brodelt. Befürchtungen und Zukunftsängste sollten wir aufgreifen, nicht übergehen, aber auch nicht alles „verstehen“. Dummheit muss man auch dumm und Idiotisches auch idiotisch nennen dürfen. Es gibt Grenzen, wo ein Dialog völlig sinn-los wird, unmerklich alle  auf niederste Ebenen herabzieht. Es ist schmerzhaft, dies einzusehen zu müssen. Ein Dialog setzt zuhören und sich gegenseitig zu verstehen voraus, auf Argumente mit Argumenten zu reagieren und ggf. sich selber zu korrigieren und auch beim Gegenüber diese Bereitschaft zu spüren. Wir sind gesamtgesellschaftlich auf eine solche große, das ganze Land und alle Lebensbereiche betreffende Herausforderung nicht vorbereitet gewesen. Die Politiker müssen handeln und die Handlungen müssen auch auf längere Sicht hin tragfähig bleiben. Es muss gehandelt werden und es muss „mit allen  Menschen guten Willens“  geredet und erklärt werden – darüber, wie gehandelt wird, warum was getan wird, warum was nicht geht, was welche kurzfristigen und längerfristigen  Konsequenzen hat, wo für wen welche Aufgaben erwachsen, ob welche Einschränkungen unseres Lebens nötig werden könnten usf. Auf uns alle kommt Ungewohntes zu. Das macht unsicher und das weckt Ängste:
  • Wie werden wir miteinander zurechtkommen?
  • Ändert sich die Sicherheitslage im öffentlichen Raum?
  • Wie sind besonders in kleineren Orten so viele Asylbewerber verkraftbar?
  • Welche Überreaktionen wird es geben, wo Konflikte unvermeidbar – aber lösbar! – sind?
  • Was wird mit Menschen, die in Massenunterkünften auf längere Zeit Miteinander auf engerem Raum auskommen müssen und welch ein   Gewaltpotential entsteht dort durch Überreizung?
  • Wie wird Volksstimmung – verbunden mit viel zu wenig konkreter Information – ins Rechte, ins Deutschnationalistische und gar in ein gewaltbereites Lager getrieben?
  • Welches Gewaltpotential wird auf allen Seiten wachgerufen?
  • Was ist Gerücht und was Wirklichkeit? Welche Wirkungen haben Gerüchte, die nicht mehr durch Argumente erreichbar sind?
  • Wird unsere Lebensart in Deutschland, Europa, unsere alltägliche Kultur überfremdet, bis wir Fremde im eigenen Land sein würden?
  • Wie passen eher christlich geprägtes und eher muslimisch geprägtes Leben mit den je besonderen Riten zusammen
  • Welche Kosten werden entstehen und werden Gelder stehen dann nicht mehr für  ganz alltägliche Aufgaben im eigenen Lande zur Verfügung?
  • Was kann ins Chaos führen, wenn es nicht erkennbare Lösungen, sondern nur sich verschärfende Probleme gibt und Politiker sich (auch aus Angst) rar machen?
  • Was soll man machen, wenn die Ängste sich eine eigene Wirklichkeit schaffen?
Zum Beispiel ist noch von keinem Fall berichtet worden, wo ein Asylbewerber gewalttätig auf eine deutsche Frau zugegangen ist. Es sind keine signifikanten Diebstählen oder andere kriminelle Handlungen erkennbar. Dass das nicht passiert ist, das eigentlich Verwunderliche. Trotzdem wird immer wieder behauptet, Asylsuchende würden allgemein gewalttätig-übergriffig. Wenn wir wollen, daß diese Ängste nicht überhand nehmen, dann sollten wir sie nicht überhören und beiseite tun. Ängste sind ernst zu nehmen, anzusprechen, zu besprechen und auf den realen Kern zurückzuführen. Und dann gilt es, zuzupacken und konkretes politisches Handeln einzufordern und selber zu begleiten. Zukunftsängste melden sich angesichts der globalen Verwerfungen und suchen in der Abschottung unseres Landes das nationale Heil. Demokratie ist nichts für Konfliktscheue. Und Demokratie geht verloren, wenn Konfliktscheuen, die „ihre Ruhe behalten“ wollen, sich fein raushalten. Da ist es umso erfreulicher zu sehen, wie viel bürgerschaftliches Engagement überall in Deutschland wachgerufen wird und ein überwiegend freundliches Gesicht für Deutschland steht. Es ist zugleich allenthalben eine gestörte Kommunikation zwischen Regierenden und Regierte zu beobachten. Wo nicht rechtzeitig informiert wird, herrschen (wilde) Gerüchte. Auf Kommunen und Landkreise kommen sehr plötzlich enorme Aufgaben zu. Das nutzt eine rechtpopulistische Demagogie aus, die mit Angstgefühlen arbeitet und demagogisch die angeblich gefährdete „deutsche Heimat“ ins Spiel bringt. Bisher haben die politisch Verantwortlichen nicht ausreichend vermittelt, in welchen Dilemmasituationen sie handeln müssen. Manche „Bürokraten“ meinen, man könne das alles technisch -administrativ abarbeiten. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Anstrengungen und Maßnahmen. Problemverschleppung wird zur Problemverschärfung. Oft sind es die Ortsbürgermeister, die das zu ertragen und auch auszubaden haben, was am „Grünen Tisch“ weiter oben als Lösungsmaßnahme beschlossen wurde, aber angesichts der Dimensionen und des komplexen Problemdrucks kaum funktioniert. Und sei es psychologisch. Aber ebenso falsch wäre es, den Regierenden den Schwarzen Peter zuzuschieben. Was wir zu lösen haben, geht uns alle an. Es gibt nicht die einzig richtige oder gar schnelle Lösung. Doch die ohnehin klammen Landkreise und Kommunen brauchen mehr finanziellen Ausgleich vom Bund. Wer (grundsätzlich) kritisiert, muss zugleich überlegen, wo er die machbare und vom Grundgesetz wie vom Völkerrecht her verantwortbare Lösung sieht, beziehungsweise welche Aufgaben er für uns alle sieht, heraufziehende Konflikte zu minimieren. Jede Maßnahme muss verfassungskonform, praktikabel und human sein. Längst hätte man mehr Anstrengungen machen müssen seitens der in der UNO versammelten, insbesondere der reicheren Länder, die Fluchtursachen zu bekämpfen, statt immer mehr Waffen in Konfliktzonen zu liefern. Und sollte nun, da sie zu Tausenden und Abertausenden kommen unsere Antwort, auch die Antwort Deutschlands Stacheldraht um unser Land heißen? Wer sich einmauert, ist ein Eingemauerter. Wer mit Stacheldraht bewehrt lebt, kommt ins Stacheldrahtdenken. Wenn erst Mauern oder Stacheldraht abwehren sollten, dann müssten entsprechende Sicherheitskräfte tätig werden, die notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen müssten. Wo kämen wir hin mit unserem Land? Wo kämen wir hin mit Europa? Lasst uns offen sein. Lasst uns nicht die Konflikte verschweigen. Lasst uns helfen, wo wir nur können und vor großen Herausforderungen nicht kapitulieren. Hören wir auf, die Politiker zu beschimpfen. Sie sind häufig so ratlos wie wir, so überfordert und überrannt von Problemen, die niemand wirklich vorausgesehen hat.  Nutzen wir unsere demokratischen Möglichkeiten, auch Kritisches auszusprechen, sofern der Dialog nicht zum Schlagabtausch wird und dumpfe Gefühle auf beiden Seiten geweckt werden. Die Bundeskanzlerin sagte vor einigen Wochen gegenüber denen, die sich ehrenamtlich und bürgerschaftlich für die entnervte, entkräftete, hungrige, frierende Flüchtlinge mit längerem Atam bis an ihre Kraftgrenzen  eingesetzt haben:
„Ich danke all jenen, die den Hass ausgehalten haben“.
Ja, das gehört zu unseren ganz persönlichen Aufgaben: Sich nicht vom Hass anfassen, nicht anfressen zu lassen, bis man selber zu einem  Hassenden wird. Der Hass ist nicht nur Ausdruck negativer Gefühle, sondern löst auch negative Gefühle aus. Dann ist der Weg zur unsteuerbaren Eskalation nicht mehr weit. Lassen Sie uns miteinander in dieser kleinen Weltstadt Wittenberg nicht nur ein Zeichen setzen, sondern auch ein Zeichen sein, wie wir mit dieser Herausforderung fertig werden, ohne uns zu überfordern, ohne zu übertünchen, welch ein Problemberg vor uns liegt. Braun sollte nach allen schrecklichen Erfahrungen in Deutschland nie wieder Farbe für eine deutsche politische Gesinnung und Haltung werden! Weltoffene Stadt Wittenberg – innerlich und äußerlich aufnahmebereit für Menschen., die aus Not und Verfolgung zu uns gekommen sind. Hier könnt Ihr ein neues Zuhause finden oder wir helfen Euch, zurückzukehren, wenn in Eure alte Heimat wieder Frieden und gutes Auskommen eingekehrt ist. Jeder ist ein Ausländer. Fast überall.
7. Oktober 1999, Friedrich Schorlemmer im Gespräch mit Barbara Thalheim, veröffentlicht in „Die Wahrheit zu zweit“, Mitteldeutscher Verlag 2010 Schorlemmer: Wenn du drei Sätze über die DDR sagen solltest, welche wären das? Thalheim: Ich habe es mir nicht ausgesucht, in die DDR hineingeboren zu werden und habe auf meine Weise versucht, das Beste daraus zu machen. Ich habe geglaubt, daß die Zweistaatlichkeit Deutschlands eine gerechte Strafe für die nationalsozialistische Vergangenheit der Generation meiner Eltern ist, das soll heißen: ich habe für meine Lebenszeit nicht an das Ende der Zweistaatlichkeit geglaubt. Ich hasse die DDR aus dem heutigen Blickwinkel nicht und bin auch nicht todtraurig, daß sie untergegangen ist; ich habe aber meine Probleme damit, daß ich den größten Teil meines Lebens in einem Land verbracht habe, das nicht mehr existiert und das so stigmatisiert in die Geschichte eingeht. Schorlemmer: […] Stell dir mal vor, es gäbe die DDR noch. Wie wäre es denn weitergegangen, wenn es sie noch gegeben hätte? Thalheim: Dann wäre sie aus sich heraus implodiert und wir hätten uns in der Pufferzone zwischen zwei gesellschaftlichen Ordnungen vielleicht etwas anderes aussuchen können. Ich weiß, daß das alles Kindereien sind, wenn man heute so spricht, weil es de facto keine andere Chance gab, als den Anschluß. Ich gehöre aber heute noch zu der Fraktion, die den Anschluß so gern verhindert hätte. Wer möchte sich schon gern aus einer Falle befreien, um in eine andere zu tappen. […] Schorlemmer: […] Habt Ihr Künstler nicht auch ein unglaubliches Privileg gehabt, daß Ihr in den Westen fahren konntet? Ihr habt das wahrgenommen gegenüber den anderen Bürgern ohne daß erkennbar geworden ist, daß Ihr etwas gegen dieses Grenzreglement tut, damit auch die anderen reisen können. Thalheim: Ich bin dazu oft befragt worden und bin bei dem Wort Privileg immer ein bißchen hellhörig. Wenn ich in meinem Leben ein Privileg hatte, dann das – zumindest bis vor der Wende kann ich das in Anspruch nehmen – daß ich mein Geld mit dem, was ich am liebsten mache, verdient habe, mit Liedern und Singen, daß mein Beruf meiner Berufung entsprach. Das können wenige Leute von sich sagen. Es hat mich niemals angewidert, damit mein Geld zu verdienen. Ich bin nie morgens aufgestanden und dachte, daß es mich eigentlich ankotzt, was ich da mache, aber ich bekomme am 15. des Monats mein Gehalt. Diese Reiserei kann man nicht als Privileg sehen, ganz abgesehen davon, daß Leute auf meiner Ebene niemals einen Paß in der Tasche hatten und losfahren konnten, wann sie wollten, sondern dieser Paß war beschränkt für die jeweiligen Konzerte. die man gemacht hat. Danach mußte man ihn wieder abgeben und konnte lange gar nicht fahren. Einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres verdienten Geldes haben wir bei der Künstleragentur der DDR abgegeben. Ich habe unter diesem Grenzsystem nicht mehr als Westdeutsche oder Westberliner gelitten. Mir war jedesmal unwohl, wenn ich an der Grenze stand; ich hatte immer das Gefühl, daß ich ein Verbrecher bin. Ich habe aber auch nicht darüber nachgedacht, was ich als einzelner Mensch machen kann, daß 17 Millionen reisen können. Ich empfand den Streß reisen zu dürfen, mehr als Bedrohung denn als Privileg. Vielleicht klingt das egoistisch, aber ich kann nur wiederholen, daß ich damit groß geworden bin, daß diese Teilung Deutschlands und die Mauer ein gegebener Fakt für mich war. Mein Über-die-Grenze-Dürfen habe ich immer so verstanden, daß ich das mir Mögliche dafür tue, daß die Leute jenseits der Grenze uns nicht vergessen, daß man nicht das System und die darin lebenden Menschen in einen Topf werfen darf. Ich wollte versenden, daß man hier auch säuft, lacht, gebildet sein kann, liebt, Spaß hat und auch Frust hat wie in anderen Ländern auch. Ich habe für das Miteinander gesungen und dafür: Wenn wir schon nicht zu euch dürfen, dann kommt doch zu uns. Schorlemmer: […] Wie ist das Verhältnis zwischen euch Liedermachern gewesen, auch zwischen denen, die dablieben und denen, die weggingen aus der DDR, vor der Mauer, und wie erklärst du dir diese nachhaltigen Spannungen und Vorwürfe, die da zwischen euch deutlich werden? In manchem widerspricht das den Liedern, die ihr singt. Thalheim: Es ist generell so, daß Dichter in ihren Werken immer klüger sind als im persönlichen Leben. Das nehme ich mal auch für Liedermacher in Anspruch. Man kann über die Friedfertigkeit der Menschen ganz viele schöne Lieder machen, aber selber ist man manchmal unfähig, mit einem anderen Menschen auszukommen, geschweige denn mit der Welt im reinen zu leben. Es gibt Freundscnaften, die diesen Zusammenbruch der DDR und das Über-die-Mauer-Springen ausgehalten haben und andere, die darüber zerbrochen sind. Wir haben am 2. Dezember ’89 gedacht: Jetzt hat der Schriftstellerverband die aus dem Land getriebenen Dichter wieder eingeladen, hat sich öffentlich entschuldigt. Der Verband der Bildenden Künstler hat das auch getan. Wir haben zwar Biermann nicht aus dem Land getrieben – ich habe auch Bettina Wegner nicht aus dem Land getrieben, auch nicht Krawczyk oder Kunert oder Pannach -, aber es wäre doch ein Gebot der politischen Hygiene, jetzt mal zu sagen: Kommt alle, wir reden jetzt öffentlich. […] Ich will aber mal feststellen: Spannungen und Meinungsverschiedenheiten hat es zwischen den Liedermachern – nicht nur in Ost und West – schon immer gegeben. Es gab immer Kollegen, die sich nah waren, über alle Grenzen hinweg und auch Leute, die sich nicht riechen konnten, wenn sie in der gleichen Stadt lebten. Das ist normal, und man soll es im nachhinein nicht verpolitisieren. Ich habe mit Pannach und Kunert immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Meine Beziehungen zu Konstantin Wecker vor und nach der Wende waren konstant. Er ist aus der westdeutschen Szene für mich der Protagonist der Songs, wie ich sie mag: sozialkritisch, politisch, anarchistisch. Wecker ist jemand, der auf die Fresse fällt, wieder aufsteht und zugibt, daß er vor Lebensgier die Fallen nicht sieht, in die er tappt. Daß es aber zwischen den Hiergebliebenen, Weggegangenen und den außer Landes Getriebenen unüberwindbare Gräben gibt, das betrübt mich. Man wirft sich gegenseitig vor, was man gemacht hat. Die weggegangen sind, werfen uns vor, daß wir hiergeblieben sind und uns angepaßt haben. Ich könnte mit dem gleichen Recht sagen, wenn ihr hiergeblieben wäret. hätte man vielleicht doch etwas verändern können. Ich weiß natürlich, daß das im Hinblick auf wirklich erlittene Repressalien einiger meiner Kollegen reichlich naiv klingt. Der einzige, wo mir Milde und Verständnis völlig abgehen, ist Biermann. Und trotzdem habe ich gemeinsam mit Matthias Görnandt und Hans-Eckart Wenzel sein erstes DDR-Konzert am 2. Dezember ’89 in Leipzig initiiert. Ein Künstler, der sich für die Sonne hält, um die die Planeten zu kreisen haben, interessiert mich weder persönlich noch künstlerisch. […] Schorlemmer: […] Ich habe einen Beruf, der bringt geradezu Redezwang mit sich. Da gibt es Menschen, die haben einen Waschzwang, einen Trinkzwang, einen Schreibzwang … Hast du einen Singzwang? Thalheim: Ich habe eher einen Erklärungszwang, da ich mich seit meiner Kindheit als eine permanente Versagerin empfinde. Ich war schlecht in der Schule. Es gibt aus der Schulzeit Photos von mir, da stehe ich immer neben der Gruppe. Ich bin nie im Pulk der Klasse zu sehen, sondern abseits. Ich habe seit meiner frühesten Kindheit das Gefühl, nicht dazuzugehören. Darauf kann man stolz sein, oder man kann darunter leiden. Ich kenne beides. Auch meine Gefühle gegenüber der DDR waren ambivalent. Ich denke, daß auch Lieder zum größten Teil aus Selbsterklärungszwang entstehen. Meine Lieder sind sozusagen meine Ledercouch. Der Psychotherapeut „Ich“ spricht mit dem Ich in mir. Die Lieder entstehen aus dem Zwang, sich selbst aus Löchern herauszuziehen. Ich denke, daß meine Freunde recht haben, wenn sie sagen, daß ich etwas Missionarisches an mir habe. Es gibt Leute, die mich total mögen oder Leute, die mich abgrundtief ablehnen. Dazwischen gibt es nichts. Schorlemmer: Man spürt bei dir, so wie bei Konstantin Wecker, daß ihr eine Botschaft vermitteln wollt, die mit euch ganz persönlich was zu tun hat, aber auch mit uns. Ihr stellt quasi einen Vermittlungsprozeß her. „Das bin ich“ oder „das bin ich nicht“, könnte es aber durchaus auch sein. Du wagst, auch über deine Niederlagen zu singen, beschreibst auch Abgrundtiefen. Thalheim: Sie waren so prägend, daß ich nicht mehr ich wäre, wenn ich sie ausließe. Ich habe in den letzten vier Jahren alle Tiefen erlebt, die ein Mensch erleben kann. Die haben mich so entscheidend geprägt, daß ich jetzt, wo ich überlebt habe, sagen kann, daß ich sie nicht missen möchte. Die neuen Lieder wären auch nicht entstanden, wenn ich nicht zehn Meter tief im schwarzen Loch gesteckt hätte. Womit ich immer noch nicht umgehen kann als Bundesbürgerin, ist, daß im über uns gekommenen Deutschland die Unterhaltung im wahrsten Sinne des Wortes Ablenkung, Zerstreuung ist. Ich bin u. a. groß geworden mit Brecht, Eisler und Weill, Orff. Kunst darf nach meiner Auffassung nicht Ablenkung, sondern muß ein Sich-Einklinken sein. Ich erwarte von Kunst, daß sie mir weh tut, daß sie mich was angeht. Das Mißverständnis vieler Westdeutscher scheint mir zu sein, daß sie erzogen wurden in dem Bewußtsein: ich zahle Eintritt für etwas, dessen Qualität ich danach beurteile, ob es mich aus meinem normalen Leben weglügt oder nicht. Aussteigen aus der normalen Welt, nicht nachdenken, damit ich sie danach wieder ertrage. Ich habe eine völlig andere Kennung von den Aufgaben der Kunst. Sie muß Veränderungen, sie muß Ziele benennen, einen Adressaten, sie darf nicht einknicken vor dem Anspruch. Sie muß links sein. L’art pour l’art interessiert mich nicht. Ich brauche nur über eine Straße zu gehen, um zu sehen, was Leben alles sein kann. Kunst soll nicht außerhalb vom Leben stattfinden, sondern mittendrin. […] Frage aus dem Publikum: Ich habe heute Abend gehört, daß Sie für Leute gesungen haben, denen Sie eine Botschaft zu übermitteln hatten, mit denen Sie im Dissens waren. Wo sich nun die Zeiten geändert haben, für wen singen Sie nun? Thalheim: Ich habe auch zu DDR-Zeiten nicht darüber nachgedacht, für wen ich singe. Die Lieder sind nicht im Hinblick auf ein Publikum, das die Lieder mal hören wird, entstanden, sondern als Erfahrungsartikulation „ich mit mir“. Daß Leute die Lieder gut fanden und sich das angehört haben, war eine positive Seite dieses Schaffensprozesses. Aber eigentlich schreibt man Lieder nicht, weil man denkt, daß man sie morgen vor Leuten singt. Ich habe mich 1995 von der Bühne zurückgezogen, weil ich in dieser Gesellschaft nichts mehr zu sagen hatte. Ich fühlte mich wie unter einer Branddecke. Es war kein Sauerstoff mehr da. Ich wollte dieses System begreifen, erfahren, erfassen. In der DDR hatte ich 40 Jahre Zeit und konnte es in Lieder fassen. Aber die Bundesrepublik war – obwohl ich sie schon ein bißchen kannte – für mich ein fremdes Land und ist es auch heute noch. Ich habe Sehnsucht nach Zukunft, sehe aber keine. Sehnsucht nach Zukunft zu haben, heißt mitnichten, Sehnsucht nach Ideologie zu haben. Die DDR nicht wiederhaben zu wollen, heißt im Umkehrschluß nicht, die Bundesrepublik 100prozentig gut zu finden. Daraus entwickelten sich neue Lieder. Ich muß es lernen, mich in diesem neuen System zu verhalten, fühle mich aber noch lange nicht pudelwohl und glücklich. Die Diktatur des Geldes ist anders schlimm als die Diktatur der Ideologie. Ich habe das Gefühl, in der DDR Minderheit gewesen zu sein und bin dies auf eine neue Weise in der Bundesrepublik, weil ich die Spaßgesellschaft nicht propagiere. Ich finde, wir sind nicht auf der Welt, um uns abzulenken. Meine Töchter haben einen ganz anderen Blick auf diese Gesellschaft. und ich begreife, daß mein Blick auf diese Welt, auf dieses Deutschland, ganz viel mit meiner Herkunft und mit meinem Jahrgang zu tun hat. Ein Mensch, der heute 20 oder 30 ist, wird diese Welt anders wahrnehmen. Es ist sein gutes Recht. Ich verlange aber, daß diese Bundesrepublik Leute wie mich aushält und stelle im Moment fest, daß ich überall anecke. Sie hält mich also nicht aus. Ich muß sie aber aushalten. Ich habe den Satz geprägt: In der DDR hat man mir unter die Bettdecke geguckt, in der Bundesrepublik faßt man mir unter die Bettdecke. Frage aus dem Publikum: Gab es auch Zeiten in der DDR, wo Sie gelitten haben? Thalheim: Ja. Als ich aus der Partei geflogen bin, habe ich auch gelitten. Aber ich konnte mich anders wehren. Früher hat man ein böses Lied gemacht und das ganze Politbüro nahm übel. Hier kann man sich an die Weltzeituhr auf dem Alex anketten und sonst was sagen – da passiert nichts. Wir – damit meine ich die die Jetztzeit reflektierenden Künstler der DDR – haben uns ganz stark überschätzt. Es gab kaum ein System, was einem soviel Wichtigkeit suggeriert hat, die man gar nicht hatte, wie die DDR. Man war nicht wirklich wichtig. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, daß mit dem Untergang des Sozialismus auch der Irrtum untergegangen ist, die Kunst hätte etwas zu sagen gehabt. In der DDR hatte ich oft das Gefühl, daß ich etwas sagen kann. Ich habe auf der Bühne immer gesagt, was ich denke. Mir ist man nie „an die Wäsche gegangen“, und das hat sicher auch mit meinem Vater zu tun gehabt. Wenn er nicht Opfer des Faschismus und Verfolgter des Naziregimes gewesen wäre, wäre ich anders behandelt worden. Ich mußte lernen – und dazu brauchte ich zehn Jahre – eigentlich völlig unwichtig und unbedeutend zu sein. Ob ich meine Lieder mache oder nicht, spielt im heutigen System keine Rolle.
  • Wolf Biermann (geb. 1936), ab 1965 hatte der Liedermacher und Lyriker ein totales Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR; wurde nach einem Auftritt in der BRD, der auch im Fernsehen übertragen wurde, ausgebürgert, was eine Protestwelle unter DDR-Künstlern und Oppositionellen auslöste, in deren Folge viele von ihnen die DDR verließen.
  • Bettina Wegner (geb. 1947), Liedermacherin und Lyrikerin; in der DDR vor die Wahl gestellt ins Gefängnis zu gehen oder ausgebürgert zu werden, ging sie 1983 nach West-Berlin.
  • Stephan Krawczyk (1955), Liedermacher und Schriftsteller; 1985 Auftrittsverbot; wurde zu einer bedeutenden Person der DDR-Opposition.
  • Günter Kunert (geb. 1929), Schriftsteller; 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR.
  • Gerulf Pannach (1948-1998 in Berlin), Liedermacher und Texter; wurde 1977 ohne Prozess aus dem Gefängnis und der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen und nach West-Berlin ausgewiesen.
  • Konstantin Wecker (geb. 1947) Musiker, Liedermacher, Komponist und Autor.
  • Matthias Görnandt (geb. 1952), Schriftsteller, Texter und Sänger.
  • Hans-Eckart Wenzel (geb. 1955), Liedermacher und Schriftsteller.