Laudatio zum 40. Bühnenjubiläum anlässlich der Ausstellung „Lebenslauf“

Home Zurück zu "Freunde" 5. April 2013, Galerie und Kulturzentrum RuDi Berlin, Modersohnstraße 55 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Barbara, Herrn Zielske hatte ich vor zwei Monaten leichtfertig geantwortet „Für Barbara Thalheim mache ich alles.“ Von „Laudatio“ war da aber auch noch nicht die Rede. Dabei kann ich doch gar nicht „alles“. Und zu dem Vielen, dass ich nicht kann, gehört fast alles, dass notwendig wäre, um über Barbara Thalheim sachkundig und zutreffend zu reden. Darüber haben, wie ich wusste und erneut bei der Recherche mitbekam, sich Kritikerinnen und Kritiker, Journalisten, Musiker schon viel kompetenter geäußert. Dummheiten, Abneigungen und Gehässiges gehören natürlich auch ebenso dazu wie Barbaras eigene Fehler, Falsches, Bereutes, Ungelungenes, Enttäuschungen, Niederlagen, Erfolge, Liebe, Zuneigung, Glück oder Zorn. Auch das ist Leben. Erstrecht, wenn man, wie sie, in so unterschiedlichen und dennoch gleichen Zeiten und mit solcher Intensität gelebt hat. „Vorm Tod ist alles Leben“, sagt Barbara. Sie weiß, schreibt, widerspricht und singt auch davon. Davon allerdings weiß auch ich. Und als ich schon in den 1970er Jahren begann, von Barbara Thalheim zu schwärmen, ahnte und spürte ich zumindest in ihren Lieder Leben, Lebendigsein, genau so wie ich es wollte und hoffen wollte. Wenn Barbara jetzt ihr vierzigsten Bühnenjubiläum hat – ich habe auch ein vierzigsten Jubiläum, ein Thalheim-Hören, -Mögen, -Nichtloslassen. Das ist nicht dahin gesagt. Noch immer besitze und höre ich eine Kassette aus den siebziger Jahren. Die Qualität ist schlecht, denn ich hatte sie selbst aus DT 64 überspielt. Aber ich kehre zu ihr immer wieder zurück und von ihr voran zu den vielen CDs, die ich längst von ihr und von Jean Pacalet habe. Manchmal wollen mir Tränen sogar sagen, dass Leben, zumindest das von Jean, nach dem Tod weitergehen möchte. Manchmal, wenn Barbara es zuließ und ich genügend Mut hatte, durfte ich mir von ihr und Jean selbst dieses frühe Lied „Als ich vierzehn war“ wünschen. So früh ich Barbara Thalheim zur Kenntnis genommen habe, dass sie mich selbst ebenfalls zur Kenntnis genommen hatte, habe ich erst in einem ihrer Interviews 1990 erfahren. Was sie über mich oder mein Denken gesagt hatte, war schmeichelhaft. Doch Freunde – über ihre Lieder hinaus, und das war ja eine einseitige Freundschaft – sind wir viel später geworden. Mich wirst Du, Barbara, jedenfalls nicht mehr los. Doch so viel Anderes, das ich für Barbara und ihre Kunst brauchte, um ihnen gerecht zu werden, kann ich eben doch nicht: Musik spielen, sie einschätzen und beschreiben, den Ton oder Rhythmus halten, singen, komponieren, Liedtexte dichten, aus mir selbst heraus gehen, mich preis gegeben. Kurz und gut, gerade Dinge, die zu jenen gehören, die ich an Barbara Thalheim liebe und bewundere. Und die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Laudatio – zu der ich angekündigt wurde – kann ich übrigens auch nicht. Lobrede oder feierliche Würdigung habe ich als Übersetzungen dafür gefunden. Aber das vermag und mag Barbara Thalheim im allgemeinen und ganz besonders in ihren Liedern auch nicht. Auch deshalb bewundere ich sie und ihre Chansons, ihre Musik und ihr Singen so besonders. Ausnahmen wie ihre „Hommage an Edith (Piaf)“ schließt das alles mit ein und sagt so viel gleich auch über Barbara: „Ach Edith wenn man singt was man auch lebt bebt die Bühne als ob die Erde bebt und man wird für immer gezwungen zu leben was man da gesungen…“ Auch wenn ich selbst so wenig musikalisch bin, dass mein Musiklehrer in der Käthe-Kollwitz-EOS in Berlin mir ein „U“ gab, „unsicheres musikalisches Gehör“, um mir keine fünf geben zu müssen, bin ich doch oft fähig, wenn ich Barbara Thalheims Lieder höre, erst recht, wenn ich Barbara selbst dabei erlebe, zu spüren wie Erde und Zeit beben. Und ich bebe selbst. Die besten von ihren Liedern nehmen mich lange gefangen, halten mich noch länger gehalten und befreien mich dauerhaft. Verlangen Sie von mir nicht, dass zu erklären. Da halten Sie sich besser an Expertinnen und Experten. Wenn ich Barbaras Konzerte mal eröffnen durfte, habe ich ohnehin empfohlen: Hört und seht ihr zu, denkt und fühlt mit und kauft ihre CDs. Superlative verachte ich. Auch in Barbara Thalheims Texte finde ich sie selten. Und es gibt viele andere Liedermacher, Chansonniers, oder soll ich Chanteusen sagen?, Sängerinnen und Sänger, die mir bedeutsam sind und bleiben werden, doch Barbara hat für mich eine besondere Bedeutung gewonnen. Wenigstens das darf ich sagen. Es sind ihre Texte, auch wenn nicht wenige davon gar nicht von ihr geschrieben wurden, aber immer von ihr ausgewählt, die Kompositionen, für die es teilweise ebenfalls gilt, ihr Umgang mit den Chansons und Liedern, was sie manchmal zwischen ihnen darüber berichtet, ihr Gesang und ihre Stimme. In Rezensionen habe ich nicht selten vom Charakter ihrer, angeblich rauchigen, Stimme gelesen. Mir ist das zu wenig, um ihre Stimme zu charakterisieren. Ich habe sie so viel unterschiedlicher erlebt, ganz so, wie es dem Text, seinem Inhalt, der Musik oder ihrem Empfinden und ihrer Stimmung, ihrer Trauer, Empörung oder Lieben entsprach. In Barbara Thalheims Liedern gibt es nicht selten Träume. Es sind Träume, wie sie Ernst Bloch als Tagträume beschrieb: realistische, realisierbare. Über die Insel, die sie selbst sein möchte, über Hiddensee natürlich, über Frankreich, Spanien und Pepes spanische, ungarische und deutsche Verluste, über Europa, Afrika und Deutschland. Dass manche der Träume zu Traumata wurden oder werden – so jedenfalls verstehe ich sie – liegt wohl eben an Realitäten und daran, dass Barbara nicht vermag oder nicht will, ihre Augen zu schließen, wenn sie träumt: „Die Welt zum Heulen aber keiner weint“. Selbst, wenn sie hoch hinaus über die Erde und zu den Sternen blickt, weiß sie: „Der Himmel hat ein riesengroßes Loch, da fallen die ganzen Engel durch ins Nichts…“ Da muss sie sich dann in einem anderen Text auch widersprechen und sich selbst dennoch treu bleiben, wenn sie über ihre Liebe träumt: „Die Liebe die ich meine / kann Wolken aufhetzen / Sonnen verdunkeln und Blicke vernetzen / aber niemals niemals verletzen“ Das eben ist die Barbara Thalheim, die mich so oft aufgebaut und heruntergestürzt und dann wieder hinaufgeschossen hat mit ihren Melodien und Gedanken, ihrem Gesang und ihren Augen. Darüber vermag ich nicht zu erzählen. Das muss man selbst hören und sehen, und nicht nur mit den eigenen Augen und Ohren, sondern auch mit dem eigenen Herzen, Verstand und Erfahrungen. Wer es aushält, dass Fehler, das Lieben, Sterben, unendliche Hoffnungen und ebenso unendliche Verzweiflungen, die Quäker, die ihren kommunistischen Vater retteten und die deutschen Nazis, die ihn nach Dachau sperrten, die neuen Nazis im Deutschen Haus Arnstadt und der Zweifel, ob die Lorelei nicht selbst abstürzt, die Afrikanerin, die uns den Spiegel vorhält, in dem wir über uns selbst erschrecken – wer das und Vieles andere aushält, der wird bei Barbara Thalheim sein und bleiben: „Immer noch immer immer wieder“. In einem ihrer Lieder gibt es eine so zuversichtliche Zeile, die man leicht überhören oder überlesen kann. Ob ich sehr privat oder auch politisch und sozial denke, sie bringt meine Zuversicht auf einen Punkt, der sich gar nicht fern, sondern ganz nah fühlt. Und vielleicht glaubt sie selbst nicht mehr an diesen ungewollten, nicht gemeinten und doch so maßlosen Optimismus, ich jedenfalls habe ihn von ihr genommen. „die weite ferne ist längst nicht mehr fern“ Dafür und dafür, dass es Dich gibt in meinem Leben, Verstehen und Fühlen, sage ich Dir Danke, Barbara. Immer noch immer immer wieder.