Medien

Und das Herz schlägt weiter links

Barbara Thalheim über ihr Leben in der DDR, ihre Lieder und eine Sturzgeburt

von Karlen Vesper

Ich habe sie schon immer bewundert, als eine starke, selbstbewusste, emanzipierte, kluge und talentierte Frau, als großartige Chansonnière und mutige Liedermacherin. Ob mit kurzgeschorenen Haaren oder üppiger Lockenmähne, es umgab sie stets eine Aura, der man sich nicht entziehen konnte. Sie hat Charisma. Doch erst jetzt, im persönlichen Gespräch, erfahre ich, dass Barbara Thalheim auch äußerst feinfühlig, verletzlich ist. Das Leben, die Zeit, hat ihr wunderbare Momente geschenkt, aber auch Wunden geschlagen, die nicht alle verheilt sind. In ihren Worten: »Glück und Enttäuschung, Lust, Frust und Wut, Erfolg und Niederlagen sind mir wie Schallplattenrillen in die Seele gebrannt.«

Sie schätzt sich selbst als schüchtern ein, nennt sich scherzhaft »rhythmische Ruferin« und bewundert die »exzellenten Stimmen« von Veronika Fischer und ihrer langjährigen, besten Freundin Aurora Lacasa, mit der sie Anfang der 70er Jahre am »Studio für Unterhaltungskunst« eine musikalische Ausbildung genossen hatte. Schon zu Beginn ihrer Karriere füllt Barbara Thalheim Säle, als sie mit »ihrem« Streichquartett, vier Studenten der Musikhochschule »Hanns Eisler«, durch das kleine Land tingelt, das die Springer-Presse noch mit Gänsefüßchen versieht: »Wir waren blutjung. Wir sangen vor großblumigen Wandtapeten und schmiedeeisernen Raumteilern, unter retuschierten Politikerbildern, vor drapierten Fahnen auf viel zu großen, viel zu hohen Bühnen.« Damals bringt die staatliche Schallplattenfima Amiga ihre erste Single heraus: »Frühling in der Schönhauser«, aufgenommen mit dem Günter-Gollasch-Orchester, am Piano Reinhard Lakomy. Barbara Thalheim steht in den folgenden Jahren mit dem Niederländer Herman van Veen, dem Franzosen Georges Moustaki, dem Österreicher Georg Danzer, mit Erika Pluhar, Hannes Wader, Konstantin Wecker und vielen anderen renommierten Künstlern auf der Bühne. Ab 1994 mit dem Franzosen Jean Pacalet, großartiger Konzert-Akkordeonist und Komponist. Und ihr neuer Lebensgefährte, bis zu dessen Tod vor bald zehn Jahren.

»Ich bin angekommen und nicht angekommen im vereinten Deutschland«, sagt Barbara Thalheim. Sie fühlt sich als eine »Unbehauste«. Am 2. Oktober 1990 verabschiedet sie mit Kollegen im Ostberliner »Prater« die DDR. Titel des Konzerts: »Der letzte macht das Licht aus«. Sie erinnert sich: »Die Stimmung im Prenzlauer Berg unterschied sich sehr von der am Reichstag, wo die offiziellen Feiern stattfanden. Auf dem Kollwitzplatz wurde um Mitternacht die Republik Utopia ausgerufen und wurden Pässe für Bürger dieser Republik verteilt.«

Über Nacht wird sie Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland. Sie kann sich nicht richtig freuen, ein undefinierbares Unbehagen beschleicht sie. Sie muss sich zurechtfinden im kapitalistischen Alltag mit überbordender Bürokratie, »schlimmer als bei uns einst«, nervigen Behördengängen und Steuererklärungen. All das, was sie von ihrer eigentlichen Bestimmung abhält. Was ist gewonnen, was verloren? Zwei Jahre nach der Vereinigung wägt sie in »So lebten wir in Zeiten der Stagnation«, verfasst mit dem Vater ihrer beiden Töchter, Fritz-Jochen Kopka, das Gestern und Heute: »Stimmt’s, da waren wir am Arsch/ Und da warn wir geborgen/ Da waren wir Held, da waren wir Clown/ Das Gestern bekannt wie das Morgen/ Die gemütlichen Zeiten der Stagnation.« Sie singt den Menschen im Osten – entlassen, abgewickelt, gewohnter sozialer Sicherheit verlustig und neue Freiheiten noch ungewohnt – aus dem Herzen: »Denkst du noch an die niedlichen Summen/ für Kunst und fürs Essen,/ für Miete und Pacht/ Und da waren die Klugen nicht meistens die Dummen/ die Skrupellosen nicht immer die Macht/ … Stimmt’s, wir machten uns klein und wir zeigten Größe/ Wir schrien unsern Frust durchs Telefon/ Der Staatspreis war wichtiger nicht als Klöße/ in den Innenräumen der Stagnation.« Sie bleibt sich treu. In der DDR hat sie den Stachel gelöckt, wider selbstgefällige Obrigkeit, gesellschaftliche Missstände, den Missbrauch einer Idee, die auch die ihre war. Nun beklagt sie Gleichgültigkeit, Geldgier, Ungerechtigkeiten, nicht nur hierzulande. »Die Welt zum Heulen/ aber keiner weint … Es ist die Kälte, die uns eint … Wer sich bekennt, der hängt am Kreuz zum Spott.«

Nein, nicht alles, vieles war nicht gut in der DDR. Und ja, Barbara Thalheim genoss das Privileg, reisen zu dürfen. Aber: Was heißt Privileg? Weltanschauung kommt von Welt anschauen. Barbara Thalheim resümiert: »Ich ging davon aus, dass es meine Kunst war, die mich privilegierte.« Und doch war es ein stetiges Bitten und Betteln.

Im November 1980 wird ihr mitgeteilt, dass eine lange vorbereitete Tournee durch die Bundesrepublik abgesagt wurde. Wegen der »augenblicklich besonders komplizierten Situation zwischen den beiden deutschen Staaten«. Bonn soll zur Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft genötigt werden. Barbara Thalheim fragt: »Ja, und was haben meine Lieder damit zu tun?« Und welchen Wert haben Verträge, wenn sie erpresst werden? Vergebens. Ihre Westberliner Managerin wird per Telegramm von der zuständigen DDR-Künstleragentur über die Köpfe der Musiker hinweg informiert. Enttäuscht erklärt Barbara Thalheim, erst zwei Jahre Mitglied der SED, ihren Austritt aus der Partei. Und »fällt aus allen Wolken«, als sie drei Tage später in der ARD-Tagesschau erfährt: »Die DDR hat nach Angaben der Ostberliner Chansonsängerin Barbara Thalheim seit Ende vergangener Woche einen Ausreisestopp für Künstler verhängt, die zu Gastspielen in die Bundesrepublik oder nach Westberlin reisen wollten.« Sie wird ins ZK bestellt, muss eine Standpauke von Kurt Hager über sich ergehen lassen: »Und das bei deinen Vater!« Sie ist die Tochter eines Kommunisten, der im deutsch-faschistisch okkupierten Frankreich verhaftet und in die Hölle von Dachau verschleppt worden war. In ihrem Elternhaus sind Freunde aus Frankreich ein- und ausgegangen; mitunter war die Teenagerin eifersüchtig, ihren Vater mit den Kameraden aus der Résistance teilen zu müssen. Erst Jahre nach seinem Tod 1994 stößt sie auf dessen unveröffentlichte Memoiren im Bundesarchiv. Anderthalb Dezennien zuvor hatte sie seiner Generation mit dem »Höhlenlied« Ehre erwiesen: »Unsere Eltern sind die letzten Helden gewesen/ Sie haben gehungert, Broschüren gelesen… Sie wurden verstoßen, vergessen, umworben… Die Herzen geöffnet, die Seelen vermint/ Ihre Schuld war klein, ihre Kraft war groß/ Ihr Leben ging erst nach dem Ende los.« Ihr schien im Vergleich zu deren dramatischen Lebenswegen, Kämpfen und Visionen »alles so klein«, was in der DDR geschah und was man selbst tat.

Barbara Thalheim verteidigt sich trotzig gegenüber Ideologiechef Hager: »Ich will mit meinen Liedern Barrieren niederreißen.« Sie darf schließlich doch »rüber«, die restlichen Tourneetermine noch wahrnehmen. Nach ihrer Rückkehr aber wird sie aus der SED ausgeschlossen. Obwohl sie schon selbst ausgetreten ist. Die Exkommunizierung behalten sich die Genossen vor. Es hagelt Konzertabsagen: »Ich fiel in ein tiefes Loch.«

Doch Barbara Thalheim rappelt sich auf, kämpft. Drei Jahre darauf entsteht mit einer neuen Band ein neues Programm: »In der Nacht, in der Macht, in der Not ist der Mensch nicht gern alleine«. Die Menschen sind dankbar für ihre offenen Worte und Lieder, wie etwa »Hoher Besuch«: »Gestern kam der Staat bei mir vorbei: Ob ich auch zufrieden und so weiter sei/ Ich wusste gar nicht, was ich sagen soll … Ich fragte, ob er selbst zufrieden sei.« Unerhörte Sätze, Bekenntnis und Verlangen: »Ich will auch irren dürfen./ Seitenwege gehen./ Die Zukunft träumen und den blausten Süden sehn …/ Du hegst die Braven und ihr permanentes Ja,/ Die Nachplapperer sind bei dir ganz dicke da,/ die wilden Denker, Sucher, sind dir gar nicht recht.«

1985 bestreitet sie 180 Konzerte republikweit. Als höhere Weihen empfindet sie eine Einladung in die Akademie der Künste. »Dienst nach Vorschrift« klagt die Entmündigung und Gängelung der Bürger durch den Staat an. »Die Reaktionen des Publikums von Blankenburg bis Wernigerode waren euphorisch«, freut sie sich noch heute. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN vermerkt indes nur lakonisch: »Und so sang sie an gegen herzloses Verhalten und Spießertum.«

Unmut und Unruhe im Volk und unter den Künstlern mehren und entladen sich im Herbst 1989. Liedermacher und Rocksänger der DDR verfassen eine Resolution. Auch Barbara Thalheim verliest diese vor ihren Konzerten: »Die Partei- und Staatsführung bagatellisiert die vorhandenen Widersprüche. Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen, sondern um Reformen, die den Sozialismus weiterhin möglich machen.« Am 40. Jahrestag der Republik, am 7. Oktober, erlebt sie in Dresden brutale Gewalt. Unvergessen ist ihr die friedliche Großkundgebung am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz. Fünf Tage darauf, am 9. November, sitzt sie in Wien in einer Talkshow des ORF mit dem orakelnden Titel »Wenn die Mauer fällt«. Während sie noch mit den anderen Gästen spätabends darüber in der »Käseglocke« eines Fernsehstudios sinniert, ist die Mauer in Berlin schon überwunden.

Wer ahnt da, dass gerade erst aufgestoßene Türen und Fenster sich bald wieder schließen werden, neue Mauern emporwachsen? »Auferstanden aus den Dogmen und dem Leben zugewandt«, eine Adaption der DDR-Nationalhymne, trägt Barbara Thalheim nun landauf, landab vor, bis zum März 1990 über hundert Mal. »Unsere Not war die des Denkens/ Und die Not der Mauern auch./ War die Not der stets Gelenkten/ Leeres Herz und voller Bauch. Wenn wir brüderlich uns einen/ Bleiben wir doch, wer wir sind,/ Bleiben wir auf eignen Beinen/ Und das Herz schlägt weiter links.«

Barbara Thalheim erinnert sich: »Immer wenn ich es sang, hatte nicht nur ich Tränen in den Augen.« Es kommt alles anders als erhofft. Schmerzhafter noch als alle Enttäuschungen und fatalen Folgen nach der Sturzgeburt »Einheit«, dem abrupten Abbruch eines Aufbruchs, war der Verlust von Freunden, von denen sie annahm, dass sie »aufrichtige Linke« wären. »Sie wurden, was sie zu DDR-Zeiten nie gewesen sind, angepasste Mitläufer.«

1992 tourt Barbara Thalheim mit der Rockband Pankow durch Deutschland. Sie nimmt als letzte DDR-Künstlerin in einem Tonstudio des bereits in Abwicklung befindlichen VEB Deutsche Schallplatten noch eine Amiga-Platte auf: »Das Ende der Märchen«. Vereinigungseuphorie weicht im Osten zunehmend Frust. Die Sturzgeburt Einheit wirft neue Gräben auf. Zur inneren Zerrissenheit des Landes trägt die Stasi-Hysterie bei. Die trifft auch Barbara Thalheim. Dabei hat sie selbst einen Journalisten, Karl-Heinz-Baum vom Berliner Büro der »Frankfurter Rundschau«, gebeten, nach ihrer Akte zu suchen. Mit 17 war sie in den Fokus der Staatssicherheit geraten; die familiären Koordinaten für eine Anwerbung schienen zu passen. Ein IM-Vorlauf wurde angelegt, den sie ohne Arg unterschrieb. Dann schläft der Kontakt ein. Vier Jahre später, nach ihrem SED-Ausschluss, wird die »Zusammenarbeit« eingestellt. Die Liedermacherin fällt nunmehr in die Rubrik »Operative Personenkontrolle«, heißt: Verdacht auf »feindlich-negative Handlungen«.

Täterin oder Opfer? Nach Aktenlage, nach Erkenntnis des Journalisten von der »Frankfurter Rundschau« und Bestätigung von Musikerkollegen hat sie niemanden verraten, niemanden ins Gefängnis gebracht, vielmehr über die Kulturpolitik der DDR geschimpft. Trotzdem meint 2017 eine Redakteurin der »Berliner Zeitung«, die Verdächtigungen und entkräfteten Vorwürfe noch einmal aufwärmen zu müssen. Um sich zu profilieren. Barbara Thalheim ersucht nach der Veröffentlichung des von ihr nicht autorisierten Textes um ein klärendes Gespräch in der Redaktion. »Es ging aus wie das Hornberger Schießen.« Ich spüre ihre innere Erregtheit noch heute. »Die Dame wusste nichts von mir. Sie kannte kein einziges Lied. Meine Akte, nicht von mir angelegt, ohne Schriftstücke von mir, war das Gerüst, an dem sich ihre Fragen entlang hangelten.«

Heiner Müller sagte einmal: »Ein Kadaver kann seinem Obduktionsbefund nicht widersprechen. Der Blick auf die DDR ist von einer Sichtblende verstellt, die gebraucht wird, um Lücken der eigenen ›moralischen Totalität‹ zu schließen.« Ein wahrlich weiser Mann.

Barbara Thalheim kann stolz sein. Sie hat 20 Tonträger veröffentlicht, ein Dutzend Bühnenprogramme gestaltet. »Wer darf sich anmaßen, über andere Leben zu urteilen?«, fragt sie. Und ist überzeugt: »Vereinigung funktioniert nur mit dem Rucksack bisher gelebten Lebens, mit allen Widersprüchen und Irrtümern. Die eigene Identität ist nicht unbedingt das, was andere dafür halten.« Günter Gaus, ein guter Freund, hat sie zu trösten versucht: »Warte ab, bis die BND-Akten veröffentlicht werden.« Sind sie bis heute nicht.

1995 gab Barbara Thalheim mit »Abgesang« ihren Bühnenabschied, den sie glücklicherweise drei Jahre darauf widerrief. Und so singt sie noch heute. Ihr neues Programm, »NOVEMBERblues«, befasst sich mit einem ambivalenten Datum deutscher Geschichte, dem 9. November 1848, 1918, 1923, 1938, 1939 – und 1989. Das letzte Lied, im Stil eines Bänkelgesangs und im Berliner Dialekt, wird Barbara Thalheim allein, ohne ihre großartigen Musiker, vortragen: »Jeda jehört zu ne Minderheit, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Maus …« Ja, jeder und jede ist besonders.

(erschienen in „Neues Deutschland“ vom 3.10.2020)

zu Besuch bei radioeins

radioeinsWann schleicht sich in unseren Alltag zum ersten Mal das Alter? Diese Frage stellt die Songpoetin der DDR, Barbara Thalheim, die bereits ihr 40jähriges Bühnenjubiläum hinter sich hat. Antworten darauf gibt es in Barbara Thalheims neuen multimedialen Bühnenprogramm namens „AltTag“ – mit Liedern und Videos über das Altern, über Meinungen, Menschen und Vorurteile – >> in der Mediathek: am 19.11.2014 im radioeins-Studio zu Gast.

WDR 5 – Erlebte Geschichten

WDR-Geschichten

Link zur Sendung

Diese Sendung des WDR-Hörfunks ist in der ARD-Mediathek abgelegt und kann dort problemlos angehört und auch heruntergeladen werden.

„Erlebte Geschichten – das sind gut 20 Minuten lang die persönlichen Schilderungen von Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind und detailgetreu, dicht und anekdotenreich wichtige Abschnitte ihres Lebens erzählen. Nichts ist so lebendig wie die gesprochene Sprache und auch nichts so authentisch.“ (WDR)

>> Direktlink zur Sendung

lasbandidas „Überfall“ Interview mit Barbara Thalheim

Interview zu dem neuen Programm „Zwischenspiel“ 2014 Berlin

Bandmitglieder: Rüdiger Caruso Krause (Jazzgitarre), Bartek Mlejnek (Kontrabass), Topo Gioia (Perkussion)

Nach vier Jahren hat die Berliner Liedermacherin Barbara Thalheim eine neue CD veröffentlicht. Auf der singt eine, die ganz offensichtlich nicht nur ihr Markenzeichen, ihre Mähne abgelegt hat. Die neue Thalheim ist Frontfrau einer jazzig-groovenden Performance.
Tänzelnd bewegt sie sich zwischen ihren jungen Musikern, die auch ältere, bekannte Thalheim-Songs mit ungeheurer Leichtigkeit neu interpretieren.
„Das Neue liegt einerseits in Thalheims Stimme, die sich gleichzeitig reifer und unbeschwerter anhört — als hätte das Sandpapier der Lebensjahre die Stimm- und Seelenbändern genau an den passenden Stellen für Melancholiebe und Melanchozorn geschliffen“. (ND, Martin Hatzius)

Interview mit Barbara Thalheim

Ulrike Hempel, Mai 2010

UH: Auf Ihrer Homepage ist seit April ein Kurzfilm „Worte des Lebens“ über eine afrikanische Theatergruppe in Conakry, der Hauptstadt Guineas zu sehen. Werden Sie jetzt Filmemacherin?

Mit dem Film möchte ich vor allem der Theatercompagnie Tyabala in Conakry helfen. Die Gruppe hat eine exzellente Ausbildung an der Kunsthochschule Guineas erhalten. Aber noch nie haben die Spieler auf einer richtigen Theaterbühne gespielt. Denn es gibt dort keine Theater, überhaupt keine Bühnen mit Licht und Vorhang und Stuhlreihen und so sind die Spieler vor allem Sozialarbeiter mit theatralischen Handwerk für arbeitslose Jugendliche, d.h. für die Mehrheit der Bevölkerung dort. Das wollte ich publik machen. Auf den selbst gedrehten Film bin ich stolz, ein Ausflug zu neuen Ufern, den ich ohne die junge Cutterin Julia Pijagin nicht hingekriegt hätte. Vielleicht sieht ja Christoph Schlingensief diesen Film. Ich war im Januar 2010 für etwa einen Monat in Guinea. Um ehrlich zu sein, ich hoffe darauf, dass er Tyabala für sein Afrikaprojekt entdeckt. Sein Traum ist eine Begegnungsstätte für Afrikaner und Europäer, Festspielhaus, das in Afrika entstehen soll.

UH: Anfang der 80er sangen Sie mal ein Lied: Ich will nicht nach Amerika, ich muss nach Afrika. Das war komisch und politisch in einer Zeit, in der Ostberliner nicht einmal nach Berlin-Charlottenburg durften. Warum spielt Afrika heute in Ihren Bühnenprogrammen eine Rolle?

Sie spielen auf meinen Song: „Die Afrikanerin“ an und die dazu gehörige Geschichte? Das Lied entstand nach einer Senegalreise. Eine Analphabetin, die ich auf der Insel Gorée kennen lernte, stellt uns Europäern darin Fragen. In den letzten 15 Jahren war ich immer wieder in französischsprachigen Ländern Afrikas. Meistens auf Einladung der Goethe-Institute.

UH: Ihr aktuelles Programm „herzverloren“ hat aber nichts mit Afrika zu tun, sondern mit verlorenen Herzen?

Herz verloren heißt ein Lied von Renaud, dem enfant terrible der französischen Popmusik. Ich habe mit drei Dichter-Freunden fünfzehn aktuelle französische Chansons nachgedichtet und versucht der Musik zusätzliche Dissonanzen abzuringen. Nicht die „üblichen Verdächtigen“ von Brel bis Piaf, von Brassens bis Prevert, die schon hundertmal Nachgedichteten haben mich interessiert, sondern die in Deutschland kaum bekannten, die heutigen Stars in Frankreich. Zum ersten Mal in meinem über dreißigjährigen Sängerinnen-Leben habe ich Songs gecovert. Coverversionen sind Liebeserklärungen an Kollegen. Man muss sich fast mehr Mühe geben als bei eigenen Liedern und wenn man es richtig macht, werden die Songs auf magische Weise zu eigenen.

UH: Am 9. November vergangenen Jahres hatte in Magdeburg das Programm „Es möcht der Holunder sterben an eurer Vergesslichkeit“ Premiere, eine szenische Collage mit Gedichten aus der DDR, die Sie – selbst mitspielend – initiiert haben. Sie haben einmal scherzhaft gesagt, dass Sie sich diese Produktion mit zehn Studenten der Berliner Schule für Schauspiel in der Regie von Klaus Fiedler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls „geschenkt“ hätten.

Eine künstlerische Idee zu haben, ist das eine. Sie nach marktwirtschaftlichen Gesetzen umzusetzen, etwas ganz anderes. Die meisten meiner Freunde sind wie ich unfähig auf der Subventionsbeschaffungsklaviatur Töne anzuschlagen. Außerdem sitzen in Jurys, die über finanzielle Zuwendungen für künstlerische Projekte zu entscheiden haben kaum Ostdeutsche meiner Generation. Als Künstlerin ohne Lobby muss man sich gar nicht erst um finanzielle Zuwendungen bewerben, das ist völlig sinnlos.
Die Holunder-Programm-Idee – der Titel verweist auf eine Gedichtzeile von Johannes Bobrowski – kam mir nach dem Lesen des Buches „100 Gedichte aus der DDR“, eine Anthologie des Klaus-Wagenbach-Verlages 2009. Die Lyrik der DDR gehört nun seit 20 Jahren zum kulturellen deutschen Erbe und ist doch weitgehend unbekannt. Das ist ein Unding. Deshalb wollte ich etwas für ihre Verbreitung tun. In sechswöchiger Probenarbeit entwickelten die jungen Schauspieler, der Regisseur und ich Spielszenen zu jedem Gedicht, von denen ich einige vertonte. Das war eine stressige, aber auch kreative Zeit. Die Aufführungen wurden euphorisch aufgenommen, wirklich. Die Arbeit hat sich gelohnt.

UH: Bekam wirklich keiner der beteiligten Künstler eine Gage?

14 Leute – Schauspieler, Techniker, Musiker, Regisseur – produzieren Kosten zum Beispiel Reisekosten, Requisiten, Programmhefte und Catering. Die Einnahmen von Theatern mit 90 bis 200 Plätzen, auch wenn sie besetzt sind, finanzieren zwar die Produktionskosten, aber keine Gagen. Für so ein Unternehmen braucht man eigentlich finanzielle Zuwendungen, wie sie für eine ähnliche Produktion mit Studenten der Ernst-Busch-Schule zur Verfügung stand. Allerdings war der künstlerischer Ansatz ein anderer: Zur Aufführung gelangten von der Stasi „einkassierte“ Texte von DDR-Autoren, was per se noch kein künstlerisches Qualitätsmerkmal von Texten ist. Wir legten mit unserem Programm den Schwerpunkt auf die Poesie des Ostens, die künstlerischen Bestand haben muss im vereinten Deutschland. Diese Sichtweise wird immer noch nicht gut gelitten von Leuten die meinen, dass nur das Ampelmännchen aus der DDR überleben soll.

UH: Vor allem dann nicht, wenn die Frau, die so denkt, selber Stasi belastet ist?

Kennen Sie den Gedichtband von Thomas Brasch „Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer“? Ein starkes Buch. Wer mein Leben verstehen will, muss mit mir durch meine turbulenten 70er Jahre. Ich war jung und leicht einzufangen. Jetzt bin ich über Sechzig und weiß: Leben kann man nur vorwärts, Leben verstehen nur rückwärts. Was ich über mich und mein Verhalten in den siebziger Jahren aus Akten der Staatssicherheit erfahren durfte, musste ich mit mir abmachen und in zwei, drei Fällen mit denen, die damals meine Freunde waren und die heute – so sie noch leben – nach wie vor meine Nähe und meinen Rat suchen. Wäre es nicht auch mal an der Zeit, über die Jahrzehnte lange Praxis westdeutscher Berufsverbote zu reden? Ich habe betroffene Freunde, die nicht erst seit der Einheit fragen, wann die BND-Akten geöffnet werden.

UH: Erscheint Ihnen ihr Leben manchmal fremd?

Sie meinen im Sinne Adornos: Es gibt kein richtiges Leben im falschen? Ich habe mir diese Frage genauso oft in meinem ersten Leben, wie auch in meinem zweiten, heutigen Leben gestellt. Früher waren Konflikte für mich oft ideologischer, jedoch niemals existenzbedrohender Natur, heute sind sie vor allem materieller und damit existenzbedrohend. Der Sprung vom real existierenden Sozialismus in den sozial reagierenden Existenzialismus ist nicht nur mir nicht gut gelungen.
Ich mache zu viele Sachen, ohne nach dem Gewinn zu fragen, soll heißen, ich lebe so weiter wie früher: Das Lustprinzip steht vor dem Gewinnprinzip. Es ist mir unmöglich das umzukehren. Nicht, weil ich nicht will, ich kann es nicht. Jeder Kulturverein, der nur lange genug am Telefon über seine Unterfinanzierung jammert, schafft es, mich für ein Benefizkonzert zu entflammen. Die Folgen sind klar: ich wäre vor kurzem beinahe aus der Künstlersozialkasse rausgeflogen.
Aber auch das Missverhältnis zwischen subventionierter Hochkultur und kaum subventionierter Subkultur tut sein übriges. Mittlerweile überleben Kleintheater dadurch, dass sie den gastspielenden Künstlern aus eigenen Überlebensgründen das volle Risiko überhelfen müssen – Saalmiete, Sozialabgaben, GEMA, Werbung, Versicherungen. Der Konzertmarkt für meine Szene befindet sich im freien Fall: der Besucher und nur der finanziert uns mit seinem Eintritt. Bleibt er weg, bleiben wir auf den Kosten sitzen. Dabei geht es auch anders. Zum Beispiel in der Schweiz. Die haben eine subventionierte Kleintheaterszene. Eine Commune, die kein Kleintheater unterhält, ist wie eine Kirche ohne Glockenturm.

UH: Würden Sie gerne eine bestimmte Form von Leben nachholen?

Nein, ich lebe im Heute. Was und wie ich gelebt habe, bleibt im Kopf, aber nach meinen, nicht nach aufoktroyierten Kindheitsmustern. Ich war beim Mauerfall noch nicht zu alt, um – in Umkehrung des dämlichen DDR-Slogans – einzuholen, ohne aufzuholen. Seither habe ich einiges gesehen von der Welt. Selten als Touristin, meistens in Verbindung mit meinem Job. So kann ich mich am besten anderen Kulturen nähern, weil die Menschen, die man als Künstlerin kennen lernt, ganz andere sind. Klar, ich bin aufgrund meines Alters, meiner Herkunft, meiner künstlerischen Handschrift eine Art Auslaufmodell. Eigentlich wäre es konsequent endlich von der Bühne abzutreten, die Säle in denen ich auftrete, werden sukzessive kleiner. Schon einmal habe ich mich 1995 von der Bühne verabschiedet. Es ging mir nicht gut damit. Insofern war die Entscheidung 1999 vom Rücktritt zurück zu treten und nun so lange zu singen wie die Gesundheit es zulässt, auch eine Überlebensentscheidung.

UH: Und wie kommen Sie damit zurecht?

Mal mehr, mal weniger gut. Die Angst ist der Taumel der Freiheit, sagt Kierkegaard. Die ausfransten Ränder der „totalen Freiheit“ mit Rechtsradikalismus, Bankencrashs und immer längeren Schlangen vor Sozialämtern machen mir Angst. Die Unumkehrbarkeit von wahnwitzigen deutschen Rüstungsimporten und ärmer werdender Bevölkerung will mir nicht einleuchten.
Kraft kommt aus schönen Momenten. Neulich hat mich ein Pfarrer aus Hamburg seinen Gästen zum eigenen 50. Geburtstag geschenkt. Ich kannte den Mann nicht persönlich, fuhr übellaunig hin und erwartete einen gut bezahlten Gig vor einer Pfarrgemeinde unterm Kruzifix. Aber ich spielte auf einer Bühne in einer Fabriketage vor 150 Gästen, von denen mich kaum jemand kannte und das Konzert wurde ein High Light. Unglaublich.

UH: Hat Älterwerden auch Vorteile?

Ich beobachte mich und meine Freundinnen dabei, wie wir langsam zu Neutren mutieren. Viele Aspekte, die menschliche Beziehungen verkomplizieren können, fallen weg, zumal zwischen den Geschlechtern. Bis vor wenigen Jahren sah ich ein männliches Gegenüber doch auch immer mit einem gewissen Testblick, ja, nein, oder, was? Das Wesentliche rückt mehr in den Mittelpunkt: wie man tickt, wie man denkt, wie man politisch orientiert ist, was man liest und ob einer den anderen trösten kann, wenn es drauf ankommt. Und eigentlich ist das vielleicht ein Äquivalent für verlorene Jugend. Wenn man es annimmt! Was mir nicht immer gelingt, aber ich gebe mir Mühe.

UH: Welches Gefühl hat Sie schon seit frühster Kindheit begleitet?

Scham ist mein vorherrschendes Kindheitsgefühl. Ich war Einzelkind und entstamme, wenn man so will dem „DDR-Adel“. Mein Vater war Kommunist, während der Nazizeit in der Emigration in Frankreich und im KZ Dachau, das er überlebte. Trotz behüteter Kindheit, schämte ich mich ausdauernd bis weit ins Erwachsensein hinein. Ich schämte mich für mich, für andere, für mein Versagen in der Schule etc. Außerhalb der Schule war ich Anführerin einer Gang, die geklaut hat auf Teufel komm raus, bis ich meinen „Raum“ gefunden hatte: die Kunst. Margekunst. Günter Gaus prägte für den Osten den Begriff der Nischengesellschaft. Das trifft es genau. In dieser Nischengesellschaft hatte ich mich rebellierend eingerichtet. Klingt paradox, ich weiß.

UH: Wer Sie heute auf Bühnen erlebt, erfährt viel über Frankreich.

Frankreich ist das Land des Chansons, ich bin eine Chansonnière und es ist das Land, dem mein Vater sein Überleben verdankt. Ich stehe gerade im Mailkontakt zu einer Erfurterin, die es nach der Wende in die französischen Pyrenäen verschlug. Sie arbeitet dort als Lehrerin und schreibt mir, dass sie sehr viele Dinge in Frankreich an die DDR erinnern würden. Diese Wahrnehmung teile ich absolut. Zum Beispiel das Lebensgefühl, das laisser-faire, das Gammelige öffentlicher Gebäude und Orte, das geschmacklose Interieur der meisten Kneipen, der überbordende Kitsch in vielen privaten Wohnstuben, aber auch die sozialen Netze der Menschen. Egal warum, Frankreich ist meine Refuge. Was für die Westachtundsechziger die Toskana ist, ist für mich seit dem ich Bundesbürgerin bin, die Loiret. Ich hätte diese Gegend gern als Zwanzigjährige entdeckt. Dafür klage ich niemanden an. Es ist okay, so wie es ist.

Heidelberger Chansonfest „Schöner Lügen“

Radiobeitrag über Barbara Thalheim anlässlich des Heidelberger Chansonfestes, gesendet am 8.2.2010 im Südwestrundfunk:

      Chansonfest

Radiofeature

Radiofeature auf DRS 1 (Schweizer Rundfunk, Zürich) vom 28.10.2009 von Anina Barandun
unter Verwendung einer Live-Sendung vom Frühjahr 1989 „Barbara Thalheim solo“, Millerstudio Zürich
und Ausschnitten aus einem Interview vom Oktober 2009. Länge: 48:41 min.

Interview Melodie & Rhythmus

Herz verloren / Artikel Oktober 2008 in Melodie & Rhythmus

Barbara Thalheim kreiert aus ihren französischen Lieblingschansons ein neues Programm und eine neue CD

Die letzte Thalheim-Neuerscheinung „Immer noch immer“ liegt nur ein gutes Jahr zurück, da gibt es am 28. Oktober in der Berliner Kulturbrauerei bereits wieder eine Premiere. „herzverloren“ bündelt französische Chansons, die Barbara Thalheim mit deutschen Nachdichtungen zu ihren eigenen gemacht hat. Melodie & Rhythmus sprach mit der Berliner Liedermacherin.

M&R: Wenn man Dich gut kennt, weiß man, dass die kraftvolle Bühnenbotschafterin immer öfter auch verzagte, kraftlose Momente beklagt. Warum bürdest Du Dir schon wieder ein neues Programm auf?

BARBARA THALHEIM: „Vergnügen, Vergnügen, was sonst sollte einen irgendwohin führen?“, habe ich gerade bei Oscar Wilde gelesen. Ich bin im September zweimal 30 geworden und habe alle Ängste und Beschwerden, die zum Altwerden dazugehören. Ein neues Projekt, die Bündelung von Kräften, das Kreieren, Ziele setzen, mit Jüngeren zusammen arbeiten, ist eine Methode von vielen gegenzusteuern.
In diesem Sommer haben wir schöne Konzerte absolviert, in denen ich einige der neuen Lieder ausprobieren konnte. Die Reaktionen haben mir Mut gemacht und auch der Kontakt mit dem Publikum.

M&R: Dass Du ein Faible für Frankreich hast, ist spätestens seit Deiner CD „Fremdegehen“ bekannt, die Deinen Aufenthalt in Frankreich in den 90er Jahren reflektiert. Frankophile Einflüsse gibt es auch auf anderen Veröffentlichungen, etwa in Liedern über Juliette Greco oder Edith Piaf, und sowieso durch Deinen begnadeten französischen Begleiter am Akkordeon – Jean Pacalet. War es einfach Zeit für ein ganzes Programm mit französischen Chansons?

BARBARA THALHEIM: Es gibt ja viele meiner deutschen Lieder auch in französischen Fassungen. Für die CD „Fiere de ma grande gueule“ (2001) habe ich einen kleinen Preis in Frankreich bekommen. Da lag es nahe, die Sache auch umgekehrt in Angriff zu nehmen. Dass die Franzosen wunderschöne, in der ganzen Welt bekannte Chansons haben, weiß man spätestens seit Edith Piaf, Charles Trenet, Cosma -Prévert, „Les feuilles mortes“, Léo Ferré, Jean Ferra Charles Aznavour, „La Bòhème“, Georges Brassens, Georges Moustaki und all diesen Leuten. Dass die heutige Generation der französischen „auteur-compositeurs“ diese Tradition auf selbem Niveau fortsetzt, ist kaum bekannt. Wer kennt hier Renaud? In Frankreich hat er einen Status wie hier Grönemeyer. Es heißt ja, Lieder zu covern, wäre ein Art Liebeserklärung an Kollegen. Ich habe meine augenblicklichen französischen Lieblingslieder ins Deutsche übertragen und auch Freunde – Regina Scheer, Richard Pietraß und Michael Wüstefeld – gebeten einige nachzudichten. Dabei herausgekommen sind traurigputzige Melancholien und Trutzlieder, ein hundsgemeiner Rundumschlag gegen Medien, „Ich leb versteckt“, ein Kammermusik-Lied „Die leeren Wohnungen in Paris“ gegen Immobilienspekulation in den Citys der Großstädte, ein Duett, dass ich mit Jean Pacalet zusammen singe, „Ein vergessener Brief“, das vom Publikum offensichtlich als Metapher auf deutsch-französische Geschichte verstanden wird. Aber auch Lieder wie: „Ich mag die Frauen nicht“, „Der Dollarkurs ist mir egal“, „Der Opportunist“ erzählen Alltagsgeschichten aus ungewöhnlicher – nicht nur französischer – Perspektive. Die Lieder sind durch die Beschäftigung mit ihnen zu meinen eigenen geworden und sicher werde ich sie auch über die neue CD hinaus in meinem Repertoire behalten.

M&R: Und wie erfahren wir etwas über die französischen Sänger!

BARBARA THALHEIM: Ich werde sicher auf der CD die Homepages der Autoren angeben. Da kann man sich informieren, auch in die Originalsongs – die wir musikalisch ziemlich gegen den Strich gebürstet haben – reinhören. Zum Beispiel in die Songs von Renaud, seinen Texten kann man mit dem Wörterbuch kaum beikommen, vielmehr müsste mal jemanden einen Diktionär mit seinen Wortschöpfungen (Argot) veröffentlichen. Das Titel gebende melancholische „herzverloren“ stammt auch von ihm. „Herz zu haben, Resteware, zu verschenken, eingebeult, ausgeheult, nicht einzurenken. Herz auf Krücken, Herz in Stücken, Trümmerbrocken, kleingehackt, abgewrackt bis auf die Socken…“ – ein Trennungsschmerzlied.
Mein Lieblingslied ist sicher das Duett „Ein vergessener Brief“. Das französische Original stammt von Juliette Noureddine. In der französischen Fassung singt den männlichen Part der Sohn von Gerard Depardieu, der bei einem schweren Unfall ein Bein verlor und deshalb seine Schauspielerkarriere aufgeben musste.

M&R: Deine letzte CD hast Du mit großer Besetzung aus der Rock- und Jazzszene, u. a. mit Geli Weiz und Jäcki Reznicek aufgenommen, wer steht Dir bei „herzverloren“ zur Seite?

BARBARA THALHEIM: Vier Musiker, mit denen ich öfter zusammen spiele: Jean Pacalet, mein langjähriger französischer Zwillingsbruder, fehlt bei keinem meiner Projekte mehr. Rüdi Krause ist Gitarrist und darüber hinaus ein in sich ruhendes Juwel, er ist Mitglied der Günther-Fischer-Band, der erste Musiker in meinem 30jährigen Bühnenleben, der sich bei mir „bewarb“, so etwas hatte ich vorher nie erlebt, dass jemand unbedingt mit mir spielen wollte. Bisher war ich es immer, die Musiker darum bat. Ferner dabei, der polnische Bassist Bartek Mleynek, der auch bei Trio Bravo spielt und der sensible argentinische Percussionist Topo Gioia.

Gespräch: Waltraud Heinze